Programm 2012

Dzevad Karahasan – Die Schatten der Städte

Dzevad Karahasan

 VORTRAG 

15.12.2012, 18 Uhr, P1

Dzevad Karahasan, 1953 in Duvno/Jugoslawien geboren, ist Erzähler, Dramatiker und Essayist. Die Belagerung Sarajevos ist Thema seines in zehn Sprachen übersetzten Buchs »Tagebuch der Aussiedlung« sowie seiner Romane »Sara und Serafina« und »Schahrijäs Ring«. In seinem mit zahlreichen Preisen ausgezeichnetem Werk vereinigt Karahasan die abend- und morgenländische Kultur und zeigt durch die Geschichte hindurch ihre Traditionsfäden auf.

Damir Avdic – The Conchered are coming to concer the Conchestor

Damir Avdic

 MUSIK 

14.12.2012, 21Uhr, K4

Der Performer, Autor und Musiker Damir Avdic verhandelt in seiner Performance ein Missverständnis: er schlüpft in die Rolle eines „globalen“ Migranten, der in der westlichen Kultur aufgewachsen und zu Hause ist und sie nun als Fremder bewandert. In dem Moment, wo er hier der sozialen Wirklichkeit begegnet, muss er sie neu erfinden, denn in den Augen der „fremden“ Gesellschaft ist er ein Wilder, von dem erwartet wird, dass er schreit und um sich schießt. Avdic’s Performance ist ein radikales Anti-Ethno Happening auf perfect Broken English mit heftigen Gitarren-Riffs und tiefen Erkenntnissen.

Wir – Antigone #2

Wir - Antigone #2

 THEATER / PERFORMANCE /­ TANZ 

14.–15.12.2012, 20 Uhr, K1

Wofür lohnt es sich zu sterben? Für die Ehre? Die politische Überzeugung? Die Familie? Diesen Fragen muss sich auch Sophokles’ „Antigone“ stellen. Die Übertragbarkeit der Antigone-Thematik auf die heutige europäische Realität untersucht der aus dem bosnischen Tuzla stammende Regisseur Branko Simic in „Wir – Antigone#2“.

Assoziativ ziehen eine deutsche und eine bosnische Schauspielerin Parallelen zwischen dem antiken Drama und den eigenen Biografien und hinterfragen immer wieder aufs Neue die eigene Lebenswelt. Für Antigone ist es die Ehre ihres Bruders und der Widerstand gegen die von ihr empfundene Ungerechtigkeit und Willkür des Königs, für die sie zu sterben bereit ist. Als sie hört, dass der König ihrem toten Bruder das Begräbnis verweigert, beschließt sie, der drohenden Todesstrafe zum Trotz und entgegen der öffentlichen Meinung, ihren Bruder eigenmächtig zu begraben. Doch König Kreon erfährt von Antigones Tat und verurteilt sie zum Tode.

Ein bisschen mehr wie Antigone sein, für die eigenen Überzeugungen ohne Angst vor den Konsequenzen eintreten – ein Ideal, dessen Gültigkeit und Realisierbarkeit Branco Simic in seinem aktuellen Stück hinterfragt. „Wir – Antigone#2“ ist keine lineare Wiedergabe des antiken Stoffes, das Stück dient als Anlass, um das eigene Leben kritisch zu betrachten. In dem Dokumentartheater setzen sich die beiden Schauspielerinnen damit auseinander, wie viel von Antigone in jeder von ihnen steckt: Wann waren sie in ihrem Leben mutig und haben sich der Masse widersetzt? Wann nicht? Mit welchen ihrer Überzeugungen ecken sie in ihrer Gesellschaft an? Und beharren sie trotzdem auf ihrer Meinung? Wo liegen vielleicht die kulturellen Unterschiede? In der Collage aus Film und Theater treten die Frauen immer wieder aus ihren Rollen heraus, um von ihren eigenen biografischen Erfahrungen zu berichten, die eine in deutscher, die andere in bosnischer Sprache. Trotzdem versteht der Zuschauer alles, denn das Gesprochene wird simultan in Wort und Bewegung übersetzt.

Konzept und Regie: Branko Šimić, Video: Biljana Milkov, Veronique Vaveres, Dramaturgie / Konzeptuelle Mitarbeit: Claude Jansen, Musik: Damir Avidić (Diplomatz), mit Ana Francević, Jasmina Music

Eine Koproduktion von Kunstwerk e.V., Theater im Pumpenhaus Münster und FFT Düsseldorf. Gefördert vom Goethe Institut Sarajevo.

Ruff Monkeys – The way you dress it is a political statement

Ruff Monkeys

 THEATER / PERFORMANCE /­ TANZ 

12.–14.12.2012, 19 Uhr, P1

Die Ruff Monkeys sind ein Projekt von Hajusom e.V. Es handelt sich um eine Hamburger Performance-Gruppe, die sich ausschließlich aus Mädchen und jungen Frauen zusammensetzt, denen man gerne das politisch korrekte Label ‚mit migrantischem Hintergrund‘ zuschreibt. Die Gruppe existiert seit 5 Jahren und wird von professionellen Künstlerinnen und Künstlern produktionsabhängig begleitet. ‚The way you dress…‘ ist die erste eigene Produktion mit dem Ziel, auf eigensinnige, charmante, humorvolle und scharfsinnige Weise das Verhältnis von Mode und Politik offen zu legen. Junge Frauen beschäftigen sich bekanntermaßen mit Mode. Umfragen zufolge streben mehr als 70% aller jungen Frauen den Beruf des ‚Models‘ an, was wiederum die hohen Einschaltquoten von Shows wie ‚Germany’s next Topmodel‘ erklärt. Da sich die Performance-Gruppe aus Mädchen zusammensetzt, die aus sehr unterschiedlichen kulturellen, religiösen und sozialen Zusammenhängen kommen, sind die Positionen dazu ebenfalls sehr divergent und liefern viel Stoff für Diskussionen, die es Wert sind, künstlerisch umgesetzt zu werden.

Leitung: Claude Jansen und Mable Preach, Video: Biljana Milkov, Produktion: Julia zur Lippe

Darstellerinnen: Akua Anima, Amel Amin, Bengisu Ygit, Jesseline Preach, Jessica Malc, Karina Mestechkina, Natalie Pizon, Sara Morales, Svea Tiedemann und Gäste

Gefördert von: Robert Bosch Stiftung, Hamburgerische Kulturstiftung, Elisabeth Kleber Stiftung, Kurverwaltung St. Pauli

Rattos Locos – MC Telly Tellz, mc Boz & Co

Rattos Locos

 MUSIK 

08.12.2012, 21:30 Uhr, kmh

Um das von Oswald Achampong a.k.a Blacky White gegründete Independent Rap-Label Rattos Locos aus St.Pauli ist inzwischen ein beträchtlicher Hype im deutschsprachigen Raum entfacht. Rattos Locos produziert und vermarktet authentische Straßenmusik aus dem ›Kalten Norden‹; der Sound bietet eine musikalische Alternative zum standardisierten Gangsterrap – Musik, die kein Blatt vor den Mund nimmt, dabei aber auch keine Verherrlichung von Klischees betreibt.

Stationen Deutsch-Türkischer Migration im Film

Martina Priessner

 FILM 

08.12.2012, 18.30 Uhr, Alabama

Die deutsch-türkische Arbeitsmigration spiegelte sich bereits seit den 1970er-Jahren in der Kinokunst beider Länder wider. Von Ausnahmen abgesehen wurden Geschichten erzählt, die in Deutschland das Bild des Ausländers und in der Türkei das Klischee des Almancı (Deutsch-Türken) reproduzierten. Seit Anfang der neunziger Jahre nehmen junge deutsch-türkische Filmemacherinnen und Filmemacher eine andere Perspektive ein. Ihre Distanz gibt ihnen die Freiheit, neue Bildersprachen zu erfinden. Sie bringen in ihren Erzählungen die Stereotypen zum Tanzen und entwerfen Bilder für Migration abseits vom Opferdasein, die fast ohne Worte auskommen und von eindringlicher Symbolik zeugen.In ihrem Vortrag, der in Zusammenarbeit mit Tunçay Kulaoglu entstand, zeichnet die Filmemacherin Martina Priessner die verschiedenen Facetten dieser Entwicklung nach und zeigt Motive von Aufbruch, Unterwegssein, Ankommen und Rückkehr. Anhand zahlreicher Ausschnitte kommentiert sie Filmbilder der letzten 30 Jahre – eine historische Reise auf den Spuren des Almanci.

Deutsch-türkische Filme

KRASS präsentiert im Zusammenhang mit dem Vortrag von Martina Priessner die Filme, welche im Vortrag diskutiert werden:

ALMANYA ACI VATAN (Deutschland, bittere Heimat, Şerif Gören, 1979, OmU, 90 min)

Deutschland / Türkei 1979 / 85 Min. / OmdtU / Regie: Şerif Gören / Mit Hülya Kocyiğit, Rahmi Saltuk

Güldane ist eine junge, selbstbewusste Frau, die als „Gastarbeiterin“ aus der Türkei nach Berlin kommt. Sie lebt in einer Frauen-WG und arbeitet in einer Fabrik. Während ihres Sommerurlaubs im Dorf in der Türkei lernt sie Mahmut kennen, der davon träumt nach Deutschland zu gehen. Er bietet ihr viel Geld für eine Scheinehe an. Güldane akzeptiert das Angebot. Zurück in Deutschland will sie von Mahmut zunächst nichts wissen. Erst als sie sich wegen der penetranten Anmache eines anderen Mannes nicht mehr zu helfen weiß, lässt sie sich auf Mahmut ein – mit ungeahnten Folgen.

Bevor dem Altmeister des türkischen Kinos Serif Gören mit Yol (Der Weg, Goldene Palme Cannes 1982) der internationale Durchbruch gelang, setzte er 1978 mit „Almanya Acı Vatan“ (Deutschland, bittere Heimat), den er in Berlin und der Türkei drehte, Maßstäbe in der filmischen Erzählung der Arbeitsmigration.

Auslandstournee

D 1999 / 91 min / OF / Regie: Ayşe Polat / Mit: Hilmi Sözer, Özlem Blume, Martin Glade, Özay Fecht u. a.

Die elfjährige Şenay und der schwule Nachtclubsänger Zeki machen sich gemeinsam auf die Reise um Şenays Mutter zu suchen. Von Deutschland über Frankreich in die Türkei begleitet der Film die ungleichen Weggefährten bei ihren Abenteuern und Auseinandersetzungen mit Heimat, Exil und Fremdheit. Der Rhythmus des Films wird von den Motiven des Reisens und der Mobilität bestimmt. „Unterwegs sein kann neue Möglichkeiten der Wahrnehmung eröffnen“ (Ayşe Polat).

Kurzfilme

Anfang der 90er Jahre begannen deutsch-türkische FilmemacherInnen der zweiten und dritten Generation, ihre so noch nie erzählten Geschichten auf die Leinwand zu bringen. Die Filme „Totentraum“ und „Frizör“ (2003) von Ayhan Salar stehen beispielhaft für erste Versuche, Klischees und stereotype Vorstellungen über migrantisches Leben in Frage zu stellen.

Totentraum

D 1994 / 15 min / Regie:  Ayhan Salar /16mm / BetaSP

Ein türkischer Arbeitsimigrant ist gestorben. Seine Leiche wird kontrastiert mit dem Bericht seiner Frau, die in einem Brief aus der Heimat die Situation und Erwartungen der Familie beschreibt. In einer parabelhaften Darstellung wird der Abschied des Gastarbeiters aus der Heimat geschildert, die zugleich auch seine Rückkehr als Toter sein kann.

Frizör

D 2003 / 15 min / Regie: Ayhan Salar

Der junge Türke Ahmet war 1964 vor dem Portugiesen A. Rodrigues aus dem Zug gestiegen. Auf die Frage des Empfangskomitees, ob er ein Gastarbeiter sei, antwortete Ahmet höflich mit „Ich Frizör“, aus dem Fremdsprachenführer. Der Portugiese sagte nichts und lächelte vor sich hin. So wurde A. Rodrigues zum millionsten Gastarbeiter, von Wochenschaukameras eingefangen und mit einem Motorrad belohnt.

Danko Rabrenović: Der Balkanizer

Trovaci

 MUSIK 

07.12.2012, 21 Uhr, kmh

Mit der Band Trovači, erzählen Danko, Boris, Etzel und Glischa, auf rhytmische, musikalische und literarische Weise Geschichten vom Balkan.Vier Ex-Jugos, 15 Jahre Exil in Deutschland, kombiniert mit treibendem Balkan- Ska- Reggae- Punk ergeben nicht nur eine exzellente Liveband, sondern stehen auch für selbstironische und sympathischschlitzohrige Texte auf serbisch und deutsch. Seit 2003 wirft die Düsseldorfer Combo einen einzigartigen “balkanisierten” Blick auf den deutschen Alltag, auf Gastarbeiterklischees, und Herzschmerz-Themen.Danko Rabrenović flüchtet als 22-Jähriger vor dem Krieg in Jugoslawien nach Deutschland. In seinem Buch „Der Balkanizer – ein Jugo in Deutschland“ erzählt er seine Geschichte(n): Wie er fast alle Aufenthaltstitel der deutschen Bürokratie sammelt. Wie er sich im Deutschkurs vor dem Buchstabieren seines Vornamens drückt („Danko! Wie Danke – aber mit o am Ende“), wie er liebgewonnene deutsche Sitten über…nimmt, ohne seine Wurzeln zu verleugnen („Integration ohne Mutation“). Rabrenović’ Kombination aus Lesung und Konzert nimmt uns mit in die unterhaltsamen Grauzonen zwischen Klischee und Realität.